Dr. Hans-Jürgen Schwalm

Bilder vom Klang der Farben

»Endlich ist das Hören der Farben so präzise, dass man vielleicht keinen Menschen findet, welcher den Eindruck von Grellgelb auf den Basstasten des Klaviers wiederzugeben suchen oder Krapplack dunkel als eine Sopranstimme bezeichnen würde.«(1)

Thomas Grochowiak, der heute 76jährig im nordbadischen Kuppenheim lebt, ist Maler von Anfang an. »Das Schwere schwebend machen«, diesem Gedanken, in dem sich die große Heiterkeit und Weltabgelöstheit seines künstlerischen Temperaments ausdrücken, ist er beharrlich und eigensinnig durch all die Jahre seines Künstlerseins gefolgt – einer fast tänzerischen Leichtigkeit der Form und der sinnlichen Spiellaune farbiger Tuschen in der Zwiesprache mit den Frage- und Antwortmöglichkeiten seiner Bilder.

Der gesuchte und dann auch eingelöste Dialog mit seinen Arbeiten geschieht in der Zurückgezogenheit des heimischen Ateliers, um so mehr heute in der Ruhe und Abgeschiedenheit einer kleinstädtischen Idylle am Rande des Schwarzwaldes. Doch immer scheint er »den Puls der Zeit zu ertasten«: in langen Jahren als Leiter der Recklinghäuser Museen und später auch der Städtischen Galerie Schloss Oberhausen, als Kommissar für die Deutsche Sektion der Biennale de Paris, der Triennale-India in Neu-Delhi oder in führender Position im Deutschen Künstlerbund und anderer Gremien. Es ist die fruchtbare Gegenspannung des künstlerischen Für-sich-Seins in der Vereinzelung beim Malen und einer beinahe sich-veräußernden Zeitgenossenschaft, die das Werk Thomas Grochowiaks kennzeichnet. Stets schließt sein kunst- und kulturpolitisches Engagement seine Zurückgeworfenheit als Künstler in die labyrinthische Welt des Malens und Zeichnens mit ein. Aus deren rätselhaft weiten, verwirrenden Wegführungen aber leitet ihn der ariadnische Faden der Musik ins Freie, in eine Freiheit, die sich als Ausdruck malerischer, farbsinnlicher Gelöstheit bildhaft sedimentiert.

Thomas Grochowiaks schon 1932 mit zwei kleinformatigen Aquarellen beginnendes bildnerisches Zwiegespräch mit der Musik hat einerseits die Kontinuität, die konzentrierte Entschlossenheit des künstlerischen Tuns bewahrt und andererseits zu immer wieder neuen Verlebendigungen der bildsprachlichen Mittel geführt: Dass sich Haltung und Gestimmtheit seines musikalischen Erlebens in der schöpferischen Fülle der Bildfindungen wie in einem Spiegel bricht. Die Beziehung zur Musik ist der tragende Grund seines künstlerischen Schaffens. Selbst als Mitte der 60er Jahre die abstrakt-gestische Malerei mit ihren choreographischen Eruptionen, die Farbe und Form, Raum und Rhythmus zu stärkster darstellerischer Selbständigkeit entlassen, scheinbar in eine Krise gerät und vorschnell totgesagt wird, sichert sie dialogisch die Eigenart und Unverwechselbarkeit seiner Arbeiten.

Die vitalen Farbevokationen seiner Bilder sind – um ein Wort Paul Cézannes zu paraphrasieren – »Harmonien parallel zur Musik«. In ihnen scheinen die Kraft der Phantasie, von Experiment und Wagnis, über Gleichmaß und ornamentale Planhaftigkeit zu triumphieren, eine emotionale, pulsende Dynamik über die zügelnde Ratio. Der Lauf des Pinsels über die Malfläche und die »atmende« Entfaltung der farbigen Tuschen scheinen geradezu befreit zu sein und lassen eine kreative Ursprünglichkeit des Sich-Äußerns vorstellbar werden. Dabei ist Thomas Grochowiak ein einfallsreicher und geschickter Kolorist, der sich ganz dem Bewegungsrhythmus und der spannungsvollen, manchmal auch expressiv dramatischen Auffächerung farbiger Verläufe verschrieben zu haben scheint und sich der Lust am freien, virtuosen Umgang mit den Malmaterialien hingibt. So ist er dem variantenreichen Spiel farbiger Selbstentfaltung seit seinen frühesten Arbeiten treu geblieben. Vielleicht spiegelt sich darin aber auch seine Überzeugung wider, dass mit den Mitteln der informellen Malerei, einem Vitalismus auf der einen, einer lyrisch abstrakten, meditativen Pinselschrift auf der anderen Seite, ein Ausdrucksfeld besetzt wurde, auf dem sich menschliches Dasein frei von überkommenen, institutionalisierten Wertvorstellungen ganz individuell, unverwechselbar und eigenwillig auszudrücken vermag. Denn sie entwirft einen Freiraum ungebundener Subjektivität, der es zulässt, alle Determinismen als bloße Varianten von Möglichkeiten zu überspringen. Unter einem solchen Gesichtspunkt endet die Thematik nie, sondern spiegelt immer wieder neu die individuelle Rhythmik des Malprozesses, die bei jedem Bildentstehen anders ist, eine körperliche und geistige Bewegung, eine innere Gelöstheit im assoziativen Spiel von Inspiration und Phantasie.

Die Lust des Malens aber beginnt bei Auswahl und Handhabung der farbigen Tuschen, die – um es mit Kandinsky zu sagen – »sonderbare Wesen sind, an und für sich lebendig, selbständig, zum weiteren selbständigen Leben mit allen nötigen Eigenschaften begabt und jeden Augenblick bereit, ... sich untereinander zu mischen und unendliche Reihen von neuen Werken zu schaffen«(2). Thomas Grochowiak initiiert ein zu sich selbst befreites Gestaltwerden der Farben, die sich im melodischen Fluss des Malens, dem nuancenreichen Hin und Her lockerer, offen bewegter Pinselschwünge und -schlage immer wieder anders darstellen. Sie werden als Bedeutungsträger, als Gestalt geronnene Gleichnisse einer während des Malens erfahrenen Wirklichkeit wahrgenommen. Und bewahren sich doch als Ausdruck freier Improvisation in einem sprunghaft vitalen Bewegungsablauf ihren eigendynamischen Klang und ihre innere Spannkraft. Zwar erkennt man den starken und nachhaltigen Einfluss der ostasiatischen Kalligraphie, wie sie Thomas Grochowiak auf Reisen nach China und Japan kennen gelernt hat, doch überwiegt stets der Eindruck einer eher psychisch motivierten Spontaneität, der befreiten und befreienden Äußerung, der bildhaften Verfestigung eines existentiellen Empfindungsimpulses. Die Farben, von denen Delacroix sagt, »dass sie die Musik der Augen sind und sich wie Noten verbinden«(3), bedeuten Thomas Grochowiak allein in ihrer Materialität Leben und Sinnlichkeit. So wird im Gefüge virtuoser Pinselschwünge das Eigenleben der Farben selbst vorgeführt, ihre materielle Eigenbewegung, die das erinnerte Erlebnis von Musik einzufangen vermag. Ob in einem fließenden, elastischen Schwung gezogen oder meditativ-kalligraphisch gesetzt, ob gespritzt oder geschlagen: Die dem Erlebnisrhythmus des Künstlers angemessenen Farbstrukturen verbinden sich zu einer melodischen »Peinture« und dringen aus der Bewegung, die ihrem Fließen innewohnt, raumschaffend ins Bildinnere. Sie entwerfen einen unendlich schwingenden »Farbenkosmos«, in dessen Weite musikalische Klangbilder nachzuhallen scheinen.

Immer wieder ist es die Musik Wolfgang Amadeus Mozarts, die Thomas Grochowiak zu Bildfindungen inspiriert, besonders aber die bekenntnishaft verdichtete Tonsprache im Spätstil des Komponisten. Doch der Impetus seiner Malerei entfaltet sich allein aus der unmittelbaren Sinnerfahrung, einer inneren Bewegtheit des intuitiv gesteuerten Tuns und nicht aus einem Inhaltsnachvollzug: Im schwirrenden Spiel des Pinsels, im Staccato seines Laufs und in den wirbelnden Reprisen seiner Schläge und Schwünge »tanzt der Rhythmus« und schillert in vielfältigen Ton- und Stimmungsstufen. Thomas Grochowiak scheint eine Bildsprache zu entwickeln, entwerfen, die jener der Musik ebenbürtig sein will. In der »lustvollen« Bewegtheit der Form und dem vitalen Elan des Kolorits sucht er das für ihn Charakteristische eines Musikstückes beispielhaft auszudrücken. So veräußert sich im gestischen Rhythmus der Pinselschwünge und der abstrakten Bewegtheit buntfarbiger Sensationen die Spontaneität und Unmittelbarkeit seines Arbeitens; so verfängt sich im »Dickicht« energiegeladener Farbaufträge, zu Form gewordener Aktionsspuren, ihrer Transparenz und immateriell pulsierenden Choreographie die Flüchtigkeit des musikalischen Erlebnisses. Denn jeder musikalische Ton ist im eigentlichen Sinne nicht vorhanden, ist transitorisch, ein Tönen, das nur in der Erinnerung einen wirklichen, bleibenden Eindruck hinterlässt. Und genauso zerfließen die Farbbahnen, Spritzer und Kleckse als die flüchtige Spur des sich malend erinnernden, noch einmal das musikalische Erlebnis wachrufenden Künstlers – entweder als spannungsgeladenes Farbengewebe, das die ganze Fläche des Malblattes in Vibration versetzt, oder als flirrende, federleichte Texturen, die wie das verschwebende Echo des einmal Gehörten erscheinen. Sie referieren eine Wirklichkeit, die erst im Augenblick ihrer eigenen Realisierung, d. h. ihres »Gespielt-Werdens« geschieht und die im »Wie« ihres Entstehens zugleich das »Was« ihres Bedeutens aufscheinen lässt. Sie schillern in ebenso kräftiger, gesättigter Buntheit, wie in zartesten Valeurs, die Thomas Grochowiak dem Malmaterial entlockt. Immer aber und das sei noch einmal herausgestellt – scheint ein Bild in seiner farbigen Entfaltung, seiner schwerelos schwebenden, »atmenden« Peinture, das Klangbild eines speziellen Musikerlebnisses »nachzumalen«, eines Erlebens, das sich stimulierend in die erinnernde Einbildungskraft des Künstlers eingegraben hat.

Zwar scheinen sich die farbigen Evokationen der Bilder atmosphärisch auszubreiten und in großer Leichtigkeit zu durchdringen, zwar sind die Farben nur sie selbst und ohne darstellerische Aufgaben zu freier Entfaltung entlassen, doch strömt ihre Vielstimmigkeit immer in einem klaren und verschmelzenden Gesamtklang zusammen. Ihr Duktus mag emotional und suggestiv aufgeladen sein oder kaskadisch wogen, stets vermittelt sich der Eindruck einer überlegten, bändigenden Ordnung, die aller Bewegung in einer rhythmischen Diszipliniertheit des Bildaufbaus Gestalt gibt. Thomas Grochowiak arbeitet stehend und »von allen Seiten« vor dem auf einem flachen Tisch liegenden Papier; er arbeitet schnell, damit das eruptive Moment des Gestaltungsprozesses um so deutlicher hervortritt und beengender Skepsis, jeder Form einer reflektierten Voreingenommenheit von vornherein begegnet wird. Seine Arbeitsweise mag an Klees Auffassung der »psychischen Improvisation« erinnern, jenes bewusste Einbeziehen des Spontanen und Unbewussten in den kreativen Prozess, der aber dennoch die Organisationsweise von Form und Komposition anerkennt. Schon die erste Führung des nassen, weichen Pinsels über den Malbogen entscheidet die Weiterarbeit und den endgültigen Rhythmus der Komposition, die »Melodie« des Farben- und Formspiels, da die verwandte Tusche keinen späteren korrigierenden Eingriff mehr zulässt. Trotz der gestischen Unmittelbarkeit, die der Künstler seiner, im Fluss des musikalischen Erinnerns impulsiv agierenden Hand zugesteht, besitzen seine Bilder eine alles überstrahlende innere Struktur – das manchmal heftige Strudeln des Pinselschwungs, das sich verströmende Pulsen der malerischen Texturen verweben stets zu einem ganzheitlichen, farbig akkordierten Klangkörper, dessen kontinuierliche Harmonie den Entstehungsprozess der Bilder nachvollziehen last. Zwar wird der Zufall im improvisatorischen Farbauftrag akzeptiert, aber gleichzeitig im Modus rezeptiver Kreativität formal gebändigt; die Tektonik des erinnerten Musikstückes, sein Harmonie begründendes Ordnungsgefüge, bleibt in der Gestaltwerdung des Bildes präsent. Statik und Dynamik halten einander in einem sensiblen Gleichgewicht. Das Werden aus Farbe und mit Farbe schafft sich Form und füllt das Bild mit Gestalt – gemäß Friedländers These, dass »es nur farbige Form und, was dasselbe ist, geformte Farbe gibt«.(4) Aber es geht Thomas Grochowiak nie um ein mechanistisches Übertragen musikalischer Werkprinzipien: Vielmehr sucht er eine das Leben ursächlich prägende, verborgene Ordnung freizulegen, wie sie zuerst durch die Musik – und Mozart hat es für ihn auf ideale Weise gelöst – für den Menschen sinnlich erfahrbar wurde. In diesem Sinne soll letztere mit ihren Verfahrens- und Empfindungsweisen in die Malerei eindringen und bildhaft sedimentiert ein Verständnis dessen geben, was wir als »Natur« und »Leben« begreifen: Dass alles vorläufig und begrenzt, dass allein Flüchtigkeit von Dauer ist und ein ständiges Werden und Vergehen, ein Gesetz des permanenten Wandels – das Leben als offener, Veränderung meinender Prozess – die konstitutiven Elemente im Ordnungssystem von Welt sind. Und in eben dieser Gesetzmäßigkeit liegt die größte Freiheit für den Menschen beschlossen.

So sind die Bilder Ausdruck eines energetischen Prinzips, das Natur und Welt durchwaltet. Alles Anekdotische in ihnen verschwindet, die reflektierten Improvisationen der farbigen Akkorde lassen gewissermaßen eine symbolisch überhöhte Wirklichkeit hinter der alltäglichen Realität aufscheinen. Thomas Grochowiak setzt die Wirkungsmächtigkeit der Musik an den Anfang seines künstlerischen Tuns, da sie das lebendige Strömen des Lebens zwischen Chaos und Ordnung auf sublime Weise sinnlich erfahrbar macht. In diesem Sog eines existentiellen Erlebnisandranges wird Malerei zum Ereignis. Ihr Ereignischarakter aber erscheint dadurch glaubhaft stimuliert, dass Bewegung in Zeit und Raum das eigentliche Thema der Bilder beschreibt: der Vorgang des Malens, in dem sich ein Bild ereignet.

Die Wechselwirkungen zwischen Musik und bildender Kunst gaben immer wieder Anlass zu philosophischspekulativen und kunsttheoretischen Erörterungen. Wenn Goethe von einem »Generalbass« der Malerei spricht und er Leonardos »Abendmahl« im Kloster Santa Maria Grazia in Mailand die »erste komplette malerische Fuge« nennt, wenn Schubert behauptet, »dass die Ästhetik der einen Kunst die der anderen ist; nur das Material ist verschieden«, greifen sie dem Ansinnen vieler Künstler des 20. Jahrhunderts vor, Musik und Malerei verschmelzen zu lassen, also »eine Musikalisierung der bildenden Kunst bzw. eine Visualisierung der Musik«(5) anzustreben. Kandinskys Bewusstsein von einem Ein-Klang, einer ursprünglichen, »tiefen Verwandtschaft der Künste überhaupt und der Musik und Malerei insbesondere«(6), folgt Thomas Grochowiak uneingeschränkt bis heute.

Die Polyphonie seiner Farben, ihr spielerisches Wechseln zwischen einer lichthaften Entmaterialisierung als ein Ausdruck spiritueller Energien und leuchtend-gesättigter Buntheit, ihr lebendiges Strömen als »couleus vivantes«, folgt einer übergreifenden rhythmischen Bewegung und weckt die Vorstellung einer »musikgetränkten« Malerei. Sie entfaltet sich vielgestaltig und stellt damit die verschiedenen Charaktere der musikalischen Erlebnisse heraus. Doch der Ausgangspunkt aller Bilder ist nicht nur die Musik, sondern immer auch der Maler selbst, seine momentane Stimmung und Haltung. Seiner erinnernden Einbildungskraft entspringen die Bilder, die sich ohne Unterlass wandeln und die sich dennoch in ihrem Innersten stets gleichbleiben. Sie sind eine energische Herausforderung an die Vorstellungskraft des Betrachters, seine, unter Verschüttungen freizulegende Hingabe an die Erlebnisfülle des Lebens.





(1)

Wassily Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, Bern 1973, S. 63

(2)

ders., Gesammelte Schriften, hrsg. v. H. K. Roethel u. J. Hahl-Koch, Bd. I, Bern 1980, S. 40

(3)

Eugène Delacroix, Mein Tagebuch, Berlin 1909, S. 239

(4)

Max Jacob Friedländer, Von Kunst und Kennerschaft, Berlin 1957, S. 28

(5)

Heinz-Diether Mück in: Mozart in Art 1900–1990, Stuttgart 1990, S. 66 Kandinsky, a. a. 0. (Anm. 1), S. 66

(6)

Kandinsky, a. a. O. (Anm. 1), S. 66

Aus dem Katalog:
Thomas Grochowiak
Lust auf Farbe – von Mozart inspiriert
Städtische Kunsthalle Recklinghausen
8. September–6. Oktober 1991